Ich stand vor ein paar Jahren schon mal genau an diesem Punkt. Dieses „Soll ich studieren oder lasse ich es lieber?“ Gefühl. Damals ging es um etwas anderes, heute reizt mich ein komplett neuer Bereich. Und obwohl ich meine alte Entscheidung bis heute nicht bereue, kommt die Frage gerade wieder hoch.
Vielleicht kennst du das auch: Du bist grundsätzlich lernwillig, du hast sogar richtig Lust auf ein Thema, aber dein Alltag ist schon jetzt viel zu überfüllt. Und dann kommt dieses Fernstudium daher und flüstert dir ins Ohr: Du bist doch flexibel. Du kannst das alles easy nebenbei machen.
Ja. Kann man. Man kann aber auch sehr kreativ darin werden, „morgen“ zu sagen.
Wenn du gerade überlegst, ob ein Fernstudium zu dir passt, lies weiter. Kein Hochglanz, keine Durchhalteparolen. Sondern die Punkte, an denen du ziemlich schnell merkst, ob das zu deinem Leben passt oder ob du dir gerade romantisch ein zweites Vollzeit-Projekt ans Bein bindest.

Erstmal: Warum Fernstudium so verlockend ist (und warum genau das das Problem sein kann)
Die Vorteile sind offensichtlich:
- Du bist örtlich flexibel.
- Du hast keine oder wenige Präsenzzeiten.
- Du kannst dein Tempo oft selbst bestimmen.
- Du kannst nebenbei arbeiten, Kinder haben, leben, Rechnungen schreiben, Wäsche waschen, Content produzieren, existieren.
Und genau da liegt der Haken: Niemand steht morgens neben dir und sagt „Heute Modul 3, Seite 12 bis 35“. Du bist gleichzeitig Studentin, Projektmanagerin und die Person, die sich selbst aus dem Bett ziehen muss. Wenn du schon bei ganz normalen To-dos regelmäßig denkst „Ich bräuchte eigentlich noch mich als Assistentin“, dann ist Fernstudium nicht automatisch die Rettung. Es ist eher: noch ein Tab mehr im Kopf.
Das heißt nicht, dass du es nicht kannst. Es heißt nur, dass du ehrlich hinschauen musst, wie du funktionierst, wenn keiner guckt.

Der schnellste Selbsttest: Mach ein Orientierungsstudium oder eine Testphase
Wenn du noch unsicher bist, mach nicht den Fehler, direkt „All in“ zu gehen. Teste das System, bevor du dich emotional und finanziell festnagelst.
Viele Fernhochschulen bieten eine Probephase an. Die IU (früher IUBH) ist da ziemlich bekannt, weil man oft erst mal testen kann, wie Plattform, Materialien und Betreuung überhaupt laufen.
Wichtig ist nicht, ob dir das Programm gefällt. Wichtig ist:
- Loggst du dich freiwillig ein, auch wenn kein Druck da ist?
- Schaffst du es, ohne Drama dranzubleiben?
- Oder bist du nach zehn Tagen wieder bei „Ich fang Montag richtig an“?
Wenn du nach vier Wochen merkst, dass du schon am System scheiterst, ist das keine Charakterschwäche. Es ist eine super wertvolle Info. Und viel günstiger als ein Semester voller schlechtem Gewissen.
Hast du wirklich Zeit zum Lernen? Nicht theoretisch, sondern real
Viele Teilzeitmodelle rechnen grob mit um die 15 bis 20 Stunden pro Woche. Klingt erstmal machbar, bis du überlegst, was 20 Stunden im echten Leben bedeuten.
20 Stunden sind zum Beispiel:
- jeden Tag knapp 3 Stunden, inklusive Wochenende
- oder vier Abende pro Woche plus ein halber Wochenendtag
- oder zwei richtig fette Lernblöcke am Wochenende, wenn du unter der Woche keine Chance hast
Und jetzt mal ehrlich: Hast du diese Zeit gerade übrig? Wenn du heute entscheiden würdest, ab nächster Woche 15 bis 20 Stunden zu lernen, welche Dinge würden dafür weichen?
Bei mir ist genau da immer der Knackpunkt. Selbstständigkeit bedeutet nicht automatisch, dass du Zeit ohne Ende hast. Es bedeutet eher, dass deine Zeit niemand schützt. Kunden, Projekte, Deadlines, spontane Anfragen, Kooperationen, Content, Alltag, Haushalt, Kind. Und zack, sind die angeblich flexiblen Stunden nur noch ein Mythos.
Praktischer Reality-Check:
Schreib dir eine Woche lang auf, wie viel Zeit du wirklich frei verfügbar hast. Nicht deine Bildschirmzeit, sondern echte, fokussierte Zeit ohne Unterbrechung. Wenn am Ende rauskommt, dass du pro Woche nur 6 bis 8 Stunden schaffst, ist das keine Katastrophe. Dann brauchst du nur ein Modell, das dazu passt. Oder du verschiebst das Projekt, bis es besser reinpasst.

Deine Motivation: Reizt dich das Studium oder das Gefühl, „was Sinnvolles“ zu machen?
Das ist ein unangenehmer Punkt, aber der entscheidet alles. Es gibt zwei Arten von Motivation:
- Du willst das Thema wirklich lernen und anwenden.
- Du willst das Gefühl, produktiv und „auf Kurs“ zu sein.
Nummer 2 trägt dich nicht durch Prüfungsphasen, miese Tage und Module, die sich ziehen wie Kaugummi.
Bei mir war das damals so: Ich hatte einen Plan, der sah auf Papier toll aus. Aber ich habe gemerkt, dass mein eigentlicher Antrieb nicht stark genug war, um den Alltag wirklich umzubauen. Heute ist das anders, weil mich Mediendesign, Gestaltung, digitale Produkte, Portfolio-Aufbau und auch das technische Verständnis hinter Web und Apps wirklich interessieren. Ich kann mich da reinfuchsen und merke nach drei Stunden nicht mal, dass es drei Stunden waren. Genau das ist ein gutes Zeichen.
Mini-Test für Motivation:
- Würdest du dich auch dann damit beschäftigen, wenn niemand dir dafür einen Titel, ein Zertifikat oder Anerkennung gibt?
- Würdest du das Thema in deiner Freizeit lernen, einfach weil es dich zieht?
- Hast du schon freiwillig kleine Projekte gemacht (Kurs abgeschlossen, Tutorials, eigene Entwürfe, kleine Webseiten, Layouts)?
Wenn du das mit Ja beantworten kannst, hast du die beste Basis. Alles andere kann man organisieren, Motivation nicht.

Wie gut kannst du dich selbst organisieren?
Viele Leute sagen: „Ich bin super organisiert.“ Und meinen: „Ich kann To-do-Listen schreiben.“ Fernstudium fragt etwas anderes ab:
- Hältst du Deadlines ein, wenn keiner nachfragt?
- Arbeitest du auch weiter, wenn du das Gefühl hast, nichts zu verstehen?
- Kannst du drangehen, ohne vorher in die perfekte Stimmung zu kommen?
Wenn du selbstständig bist, kennst du das schon. Du musst Dinge erledigen, die sich nicht gut anfühlen. Rechnungen, Buchhaltung, E-Mails, diese eine Datei, die du seit drei Tagen vor dir herschiebst.
Fernstudium ist genau so, nur länger.
Was dir wirklich hilft:
- Lernmaterial so vorbereiten, dass du schnell starten kannst (Notizen offen, Tablet geladen, Ordner klar)
- feste Lernfenster wie Termine behandeln
- klein anfangen, dafür konstant
- keine Perfektion, nur Bewegung
Bist du jemand, der ohne sozialen Druck lernt?
Es gibt Menschen, die blühen allein auf. Die setzen sich hin, machen ihr Ding, fertig. Und es gibt auch Menschen, die brauchen das Gefühl von Gruppe. Das sind eben unterschiedliche Lerntypen.
Fernstudium bedeutet oft:
- weniger spontaner Kontakt
- weniger „Wir sitzen zusammen in der Bib“
- weniger direkte Rückfragen im Seminarraum
Du musst schauen, ob du dir diesen sozialen Part aktiv holen kannst:
- Lerngruppen online
- Discord, WhatsApp, Foren
- feste Check-ins mit einer Freundin, die ebenfalls lernt oder arbeitet
- oder ganz simpel: Coworking, damit du nicht alleine im Chaos versinkst
Wenn du weißt, dass du ohne Außenstruktur abdriftest, brauchst du einen Plan dafür. Sonst fühlt es sich nach drei Wochen an, als würdest du allein gegen einen Berg laufen.
Passt dein Lerntyp zu Online-Studium?
Klingt banal, ist aber wichtig. Manche lernen super über Texte, andere brauchen Videos, andere brauchen Praxis und Projekte.
Frag dich:
- Kannst du längere Texte lesen und dabei konzentriert bleiben?
- Brauchst du visuelle Erklärungen?
- Lernst du besser, wenn du direkt etwas umsetzt?
Bei Gestaltungs- und Medienthemen ist das oft ein Vorteil, weil du sowieso viel praktisch machen kannst. Du baust Layouts, entwickelst Designs, setzt Projekte um. Das fühlt sich weniger nach stumpfem Pauken an. Trotzdem gibt es Theorie. Und die musst du auch an Tagen können, an denen dein Kopf eigentlich nur Feierabend will.
Der Punkt, über den kaum jemand spricht: Deine aktuelle Lebensphase
Das ist der Teil, der vielen am Ende das Genick bricht, weil man ihn gerne wegdenkt.
Ein Fernstudium ist nicht nur eine Entscheidung für ein Thema. Es ist eine Entscheidung dafür, dass die nächsten Jahre anders aussehen. Weniger Freizeit, weniger „mal schauen“, weniger Luft.
Wenn du gerade in einer Phase bist, in der sowieso schon alles gleichzeitig passiert, kann ein Studium sich anfühlen wie noch eine Pflicht, die permanent im Hintergrund drückt.
Manchmal ist die klügste Entscheidung:
- erst mal kleine Kurse machen
- Skills aufbauen
- Portfolio starten
- und später entscheiden, ob du den formalen Studienweg wirklich brauchst
Gerade in kreativen Bereichen kann das eine extrem sinnvolle Route sein: Du sammelst Projekte, baust echte Referenzen auf und merkst unterwegs, ob du das Thema dauerhaft willst.
Ein pragmatischer Fahrplan: So testest du Fernstudium, ohne dich zu verlieren
Wenn du nicht weißt, ob du das schaffst, mach es nicht riesig. Mach es testbar.
Phase 1: 14 Tage
- 4 Lernblöcke pro Woche, jeweils 45 Minuten
- Ziel ist nicht „viel schaffen“, sondern: drangehen
- am Ende kurze Notiz: Was hat gut funktioniert, was hat dich rausgehauen?
Phase 2: 4 Wochen
- 5 Lernblöcke pro Woche
- 1 längerer Block am Wochenende (90 Minuten)
- einmal pro Woche ein Mini-Output: Zusammenfassung, Übung, kleines Projekt
Phase 3: Entscheidung
Nach sechs Wochen weißt du ziemlich sicher:
- ob du die Routine halten kannst
- ob du mental eher Energie daraus ziehst oder ob es dich auslaugt
- ob du dich freust weiterzumachen oder nur noch denkst „Ich muss“
Das ist eine echte Grundlage. Und keine Bauchentscheidung um 23:48 Uhr.
Checkliste: Daran merkst du, dass du dafür geeignet bist
Du bist wahrscheinlich gut fürs Fernstudium, wenn:
- du auch ohne äußeren Druck anfangen kannst
- du dir selbst einen Plan bauen kannst, der realistisch ist
- du am Thema echtes Interesse hast, nicht nur an der Idee
- du Rückschläge aushältst, ohne sofort alles hinzuschmeißen
- du bereit bist, dein Leben dafür umzubauen, zumindest ein Stück
Du solltest vorsichtig sein, wenn:
- du gerade null Zeit hast und dir nur wünschst, dass es irgendwie trotzdem klappt
- du ohne Struktur schnell abdriftest und dir keine externe Struktur baust
- du dir vom Studium vor allem erhoffst, dich „besser“ zu fühlen
- du schon jetzt permanent am Limit bist
Vorsichtig heißt nicht „lass es“. Vorsichtig heißt: Mach es klug. Teste. Passe an. Und hör auf die Signale.
Mini-FAQ, weil diese Fragen immer kommen
Wie viele Stunden pro Woche sind realistisch?
Wenn du berufstätig bist oder selbstständig plus Alltag, sind 8 bis 12 Stunden oft realistischer als 20. Dafür brauchst du dann ein langsameres Modell oder mehr Zeit insgesamt.
Muss man super diszipliniert sein?
Du musst nicht perfekt sein. Du musst nur eine Routine bauen, die auch an mittelguten Tagen funktioniert.
Was, wenn ich nach ein paar Wochen die Motivation verliere?
Dann war entweder das Thema nicht stark genug, oder dein Plan war zu groß. Motivation ist launisch. Systeme sind zuverlässiger.
Brauche ich wirklich ein Studium oder reicht Portfolio und Kurse?
Kommt aufs Ziel an. Wenn du einen klaren Berufswechsel in einen Bereich willst, in dem Abschlüsse zählen, kann Studium helfen. Wenn du in einen kreativen, projektbasierten Bereich willst, ist ein starkes Portfolio oft mindestens genauso wichtig.
Mein Fazit
Fernstudium kann großartig sein. Aber nicht, weil es so „flexibel“ klingt. Sondern weil du es an dein Leben anpassen kannst, wenn du ehrlich bist und nicht nur hoffst, dass das schon klappen wird.
Für mich ist es heute wieder spannend, weil die Motivation eine andere ist und weil ich weiß, was mich damals gestoppt hat. Und ich weiß auch: Wenn ich es mache, dann nur mit einem Plan, der zu meinem echten Alltag passt, nicht zu meinem Wunsch-Alltag.
Wie siehst du das? Hast du regulär studiert oder per Fernstudium? Würdest du es nochmal machen, oder würdest du es lassen?






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