30something

Ich bin depressiv – und ich kann diese Vorurteile nicht mehr hören

7. Februar 2020
Vorurteile über Depressionen

Bei meinem ersten Selbstmordversuch war ich acht Jahre alt. Denn, damit widerlege ich schon mal gleich das erste Vorurteil über Depressionen: Kinder können depressiv sein. Ich wusste damals nicht, warum ich auf der Welt bleiben sollte. Mein Alltag war geprägt von der ständigen Angst, meiner schwer psychisch kranken Mutter nicht zu genügen, denn wenn ihr etwas nicht in den Kram gepasst hat, dann fing sie für viele Stunden an zu weinen und zu schreien. Ich hatte ständig Angst, etwas falsch zu machen und bestraft zu werden. Diese Angst konnte ich nicht ablegen, auch wenn ich jetzt schon viele Jahre nicht mehr in diesem Gefängnis lebe. Es ist eine Traumatisierung, die sich über viele Jahre ereignet hat und mich bis heute tief prägt. Ich kann mich nicht an eine unbeschwerte Zeit erinnern, in der ich glücklich in den Tag gelebt habe. Bis heute wache ich jeden Morgen mit einem Gefühl der Angst in meinem Bauch auf. 

 

 

Vorurteile über Depressionen

 

Vorurteile über Depressionen

 

Denk doch einfach mal positiv

 

„Denk doch einfach positiv“ – wer dir ständig den Rat gibt, dich doch gefälligst mal über die Sonne zu freuen und glücklich in den Tag zu starten, als ob du selbst noch nie auf die Idee gekommen wärst, der hat nichts verstanden. „Jeder hat nun mal sein Päckchen zu tragen, ich bin auch mal traurig“ – ist mein nächster Lieblingssatz. Ich bin nicht mal traurig, ich entscheide mich jeden einzelnen Tag dafür zu kämpfen, am Leben teilzunehmen und nicht aufzugeben. Das ist für mich jeden einzelnen Tag eine Entscheidung für das Leben und gegen die Depression. Ich konzentriere mich jeden Tag darauf, wofür ich dankbar bin und warum ich das Leben schätze und dennoch weine ich jeden Tag und bin an manchen Tagen hoffnungsloser als an anderen.

 

Vorurteile über Depressionen

 

 

 

Du bist depressiv, weil du ein schwacher Mensch bist

 

So offen hat es noch niemand zu mir gesagt, wohl aber gedacht. „Du warst als Kind schon so“, höre ich aus meiner eigenen Familie. (Na, kein Wunder, oder?) Das Gerücht hält sich hartnäckig, dass Depressionen hauptsächlich Frauen betreffen, schwache und sensible Persönlichkeiten.  „Im Gegenteil: Oft sind es sogar eher Menschen, die dazu neigen, gewissenhaft zu sein, Verantwortung zu übernehmen, für andere da zu sein, die auch Leistungsträger in einem Unternehmen sind“, sagt Hegerl. Aber das ist kein Muss. Es kann jeden treffen: die Erfolgreichen und die Erfolglosen, die Tüchtigen und die Faulen, die Mutigen und die Furchtsamen, das folgt keiner Regel. (Quelle: Stern.de)

 

 

30something Kolumne auf andysparkles

 

 

Depressive Menschen liegen den ganzen Tag im Bett und schlafen

 

Natürlich ist das ein klassisches Symptom, doch viele Menschen (einschließlich ich) steigern sich auch in übertriebene Freizeit- und Arbeitsgestaltung hinein, um so wenig ruhige Momente mit sich selbst zu erleben. Das ist ein zweischneidiges Schwert: Denn so steigerst du dich in Stress hinein und entwickelst regelrecht Angst davor, mit dir selbst Zeit zu verbringen.

 

 

Wer bin ich ohne dich? Buchtipp!

 

Eine Depression ist wie eine Frau in Schwarz. Wenn sie auftaucht, scheuche sie nicht fort. Lade sie ein, biete ihr einen Sitzplatz an, behandle sie wie einen Gast und höre zu, was sie sagen möchte. C.G. Jung

 

Zum ersten Mal habe ich in dem Buch „Wer bin ich ohne dich“ davon gehört, dass eine Depression auch etwas sehr Sinnvolles ist. Tatsächlich weist sie uns daraufhin, dass wir dringend etwas in unserem Leben ändern müssen. Als ich 2012 in meinem damaligen Job sehr unglücklich war, hatte ich eine extrem schlimme depressive Episode. Ich kann mich darauf verlassen, dass mir mein Geist immer sehr genau Bescheid gibt, wenn ich mich gerade wieder auf einem Weg im Leben befinde, der nicht der richtige für mich ist. Eine Depression ist wie eine Schonhaltung, in der wir plötzlich alle Aktivitäten aufgeben, weil sie uns ohnehin nur in die falsche Richtung führen. Das alles wird in dem Buch sehr eindrucksvoll beschrieben.

 

Möchtet ihr mehr zu solchen und ähnlichen Themen lesen? Meine 3osomething Kolumne auf andysparkles

 

Hast du selbst Erfahrungen mit Depressionen? Welche Vorurteile über Depressionen regen dich so richtig auf?

 

30something Kolumne auf andysparkles

Das könnte dir auch gefallen

11 Kommentare

  • Antworten Eileen Seifert 7. Februar 2020 um 18:42

    Vielen dank für deinen Beitrag. Wie oft habe ich in meiner Kindheit und auch jetzt noch zu hören bekommen ich solle mich nicht so anstellen und mal lachen. Wenn es so einfach wäre. Schön mal von einer anderen Betroffenen zu hören der es genauso geht.

  • Antworten Johanna Schiller 7. Februar 2020 um 18:43

    Das ist nicht nur unglaublich gut geschrieben, ich bin dir auch sehr dankbar, dass du diese Erfahrung mit uns teilst.

  • Antworten Sarit 7. Februar 2020 um 19:52

    Wow, starker Text! Ich wünsche dir alles Gute! Ich selbst bin nicht erkrankt, allerdings ist meine Mutter bipolar. Ich bin damit also auch vertraut.

  • Antworten Nadja 7. Februar 2020 um 20:10

    Ich finde es sehr stark von dir das du so offen darüber geschrieben hast. Danke dir

  • Antworten Chris 7. Februar 2020 um 21:34

    Liebe Andrea, tausend Dank für dieses offene Statement. Mir geht’s genauso. Ich bin übrigens auch der hyperaktive und eher schlaflose Typ. Immer rastlos, kaum entspannt. Ich versuche auch jeden Tag mich so zu nehmen, aber nicht zu verzweifeln. Unbeschwertheit? Was ist das? Das gibt’s vielleicht mal für Sekunden. Ich koche, wenn ich die bescheuerte Anti-Depri Werbung im Fernsehen sehe. Man nimmt nicht eine Tablette, redet ein bisschen und gut ist es. Wir sind so und ich nehme keine Tabletten, die mich als Person tot stellen. Das bin ich eben, ja, und die traurigen Phasen bewirken etwas. Auch bei mir hat das natürlich eine Geschichte. Vielleicht sind auch viele kreative Menschen so, die zu viel denken. Ich wehre mich gegen eine shiny happy people Gesellschaft. Ich bin so und du wohl auch. Ist vielleicht nicht immer gut so, vor allem für uns nicht, aber das sind wir. „Reiß dich mal zusammen“ oder „denk doch mal positiv“ ist tatsächlich wenig hilfreich. Vielleicht wäre eine Welt voller shiny happy people auch ein Albtraum.
    Allerliebste Grüße Chris
    https://stylepeacock.com

  • Antworten Mona Held 8. Februar 2020 um 08:05

    Oh du hast das so toll geschrieben. Bei mir sind die Depressionen das erste Mal vor knapp 6 Jahren so extrem aufgetreten. In meiner Therapie habe ich dann herausgefunden, dass ich auch als Kind schon depressive Phasen hatte, die damals nicht erkannt wurden. Ich werde mir das Buch mal besorgen, das hört sich wirklich gut an.

    Meine schlimmsten Erfahren sind auch Sätze wie „jeder ist mal traurig, stell dich doch nicht so an“…

  • Antworten Claudia Braunstein 8. Februar 2020 um 17:46

    Liebe Andy, Hut ab vor dieser großen Offenheit. Ich habe keine Erfahrung zu Depressionen, aber ich war an Krebs erkrankt und lebe dadurch mit zahlreichen Behinderungen.Die Kommentare die ich teils rund um meine Erkrankung erhalten habe, gleichen jenen, die du hier aufzählst. Manchmal wäre es einfach besser wenn die Leute einfach schweigen würden. Ich wünsche dir alles erdenklich Gute und vor allem einen Weg, der weniger holprig ist. Liebe Grüße, Claudia

  • Antworten Chris 9. Februar 2020 um 11:21

    Liebe Andrea, weißt du wie mutig das ist, dass du darüber so offen schreibst. Ich kämpfe auch seit Jahren damit. Aber ich rede eigentlich nie darüber, somit versuche ich in der Öffentlichkeit immer zu verbergen, wie es mir wirklich geht. Bei mir ist das Gegenteil der Fall, ich muss mich zwingen zu Arbeiten und am Ball zu bleiben. Das kostet auch so viel Kraft. Ich ziehe mich dann zurück vor allem und bin nicht rastlos, sondern eher ruhig. Ich habe schon oft überlegt, es auf dem Blog zu thematisieren, aber mich bisher nicht überwunden. Es fällt mir so schon schwer, das bei dir hier zu schreiben, weil es tatsächlich Menschen gibt, die kein Verständnis haben und denken, das sind doch hausgemachte Launen.
    Liebe Grüße
    Chris

  • Antworten ANNIE - Online Magazine 13. Februar 2020 um 16:09

    Danke für den großartigen Artikel. Ich kenne das selbst sehr gut, leider selbst unter Depressionen. Bei mir fingen sie später an, erst im Erwachsenenalter. Seit einer Weile bin ich medikamentös gut eingestellt. Aber wehe ich vergesse die Tablette mal einen Tag… das merke ich sofort und fange dann an, mich zu verkriechen und einzuigeln. Diese ganzen Vorturteile und Sprüche kenne ich auch alle zu genüge und kann sie nicht mehr hören. (Jetzt hab dich mal nicht so… etc.)

    Liebe Grüße
    Annie

  • Antworten Monatslieblinge im Februar 2020 - Sammlung - xmalanderssein 28. Februar 2020 um 14:50

    […] schreibt offen über Depressionen und Vorurteile. Bei Sonea Sonnenschein ging es um die Worte bei der […]

  • Antworten Kennst du den Unterschied zwischen Glück und Spaß? - andysparkles.de 13. März 2020 um 20:05

    […] ich alleine für mich bin, in der Stille, fühle ich mich meist sehr leer. Das hängt mit den Depressionen zusammen natürlich, doch vielen geht es so. Sie betäuben sich nonstop mit Netflix, lauter Musik, […]

  • Hinterlasse einen Kommentar