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Gefühle zurück gewinnen – wann habe ich verlernt zu fühlen?

18. Februar 2022
Gefühle zurück gewinnen

„An deiner Stelle wäre ich jetzt so sauer“, „ich könnte mich gar nicht mehr mit ihm treffen.“ Diesen Satz habe ich vor Jahren mal gehört und ich wusste in dem Moment, dass es stimmt. Es fühlte sich wahr an und doch konnte ich mich nicht reinversetzen. Ich konnte es nicht spüren. Diese Wut, die mir eigentlich zusteht, sie war irgendwie da und doch nicht. Heute geht es in diesem Beitrag wieder, wie auch letzte Woche in “Bring mehr Klarheit in deine Kommunikation”, um etwas, was ich in dem Buch von Eva Wlodarek gelesen habe. Es geht darin eigentlich darum, wie man seine Ausstrahlung verbessern kann. Doch dazu gehört es auch, sich selbst zu spüren und die eigenen Gefühle wahrzunehmen. Wer in der Kindheit keine Gefühle zeigen durfte, der tut sich damit auch im Erwachsenenalter schwer. So wie ich.

Inzwischen merke ich, wie absurd es klingt, dass ich früher dachte, bestimmte Gefühle gehören eben “nicht zu mir”. Dabei gehören sie zu jedem Menschen. Ich habe nur nie gelernt, sie zu erkennen. Oft wusste ich nicht mal, ob ich gerade verletzt, enttäuscht oder einfach nur gestresst war. Alles fühlte sich gleich dumpf und überlagert an. Erst seit ein paar Jahren verstehe ich langsam, dass das keine „Eigenart“ ist, sondern ein Schutzmechanismus, der irgendwann nicht mehr schützt, sondern blockiert.

30something Kolumne auf andysparkles

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Warum reagiere ich manchmal so übertrieben?

Ist es dir auch schon mal passiert, dass du völlig übertrieben auf bestimmte Ergebnisse reagierst? Warum reagiere ich so impulsiv? Über Jahre hinweg habe ich das überhaupt nicht verstanden und mich gefragt, was mit mir nicht stimmt. Heute weiß ich, dass es alles verspätete Symptome meines Kindheitstrauma sind, Triggerpunkte, die Teil meiner posttraumatischen Belastungsstörung sind. 

Erst vor wenigen Wochen ging es mir so. Ich fühlte mich danach wirklich nicht gut, nachdem ich so in Rage war am Telefon. Es ging dabei um geschäftliche Beziehungen, die ich klar hätte beenden können, ohne mich aufzuregen. Doch für mich hat es sich in dem Moment total emotional und ausweglos angefühlt. Die Geschäftsbeziehung hab ich dann auch beendet, was überfällig war. Dennoch – übertriebene Reaktionen wie diese stehen immer für eine Projektion früherer Erlebnisse. Es hilft mir, dann aus der Situation zu gehen und einen neuen Weg einzuschlagen.

Was ich inzwischen verstanden habe: Eine übertriebene Reaktion ist niemals „nur“ eine übertriebene Reaktion. Es ist ein Echo. Ein altes Muster, das sich meldet und sagt: Da ist etwas, das du damals nicht ausdrücken durftest. Vielleicht ist es Wut, vielleicht Angst, vielleicht Hilflosigkeit. Und ja, es nervt, wenn mich das als Erwachsene bei Kleinigkeiten völlig aus der Bahn werfen kann. Aber genau diese Situationen zeigen mir, wo ich noch heilen darf und was ich heute anders machen kann.

30something Kolumne auf andysparkles

Gefühle zurück gewinnen – wie geht das?

Wie kann ich wieder lernen zu fühlen? Was bedeutet das überhaupt? Es geht darum, erstmal sämtliche Gefühle anzuerkennen. Habe ich gerade in dieser Situation übertrieben? Ja, vielleicht. Doch es ist ok. Auf diese Art können wir unsere verschütteten Gefühle entdecken. Mit der Zeit dann auch lernen, sie angemessen auszudrücken. 

Ich merke, wie mein Körper oft früher reagiert als mein Kopf. Ein Kloß im Hals, ein Druck im Brustkorb, plötzlich das Gefühl, „weg“ zu sein. Früher habe ich das ignoriert oder weggedrückt. Heute versuche ich, kurz innezuhalten. Nicht analysieren, nicht rechtfertigen, einfach nur registrieren: Aha, da ist gerade etwas. Diese kleinen Momente verändern erstaunlich viel, weil sie die Verbindung zu mir selbst wieder aufbauen.

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Gefühle (wollen) müssen gefühlt werden

Gefühle werden erst so richtig stark und fühlen sich so übermächtig an, wenn sie immer wieder unterdrückt werden. In meiner Kindheit musste ich gehorchen, ich durfte keine Gefühle zeigen und so habe ich das auch immer mehr verlernt. Es geht vielen von uns so, dass zumindest bestimmte Gefühle nicht gelebt werden dürfen. Doch sie existieren und es macht gar keinen Sinn, sie zu verdrängen! Oft geht es mir dann so, dass ich Gefühle wie Wut gar nicht oder erst lange danach spüre. Dazu habe ich schon mal was geschrieben: Kämpfe nicht gegen deine Gefühle an.

Lange dachte ich auch, dass es irgendwie dazu gehört, dass Beziehungen zu anderen Menschen wehtun müssen.Ich dachte es ist normal, dass ich mich ganz oft unwohl fühle, mich ständig unterordne und innerlich leide. Das war so in mir drin. Doch ganz langsam kommt es bei mir an. Ich verstehe, dass meine Gefühle durchaus da sind und auch ihre Berechtigung haben. 

Und genau da beginnt das Umlernen. Ich erlaube mir inzwischen, nicht mehr sofort zu funktionieren. Ich darf innehalten, ich darf Grenzen ziehen, ich darf Nein sagen, auch wenn mir das früher beigebracht wurde, dass es „unhöflich“ oder „falsch“ ist. In Wahrheit ist es gesund. Und je öfter ich das tue, desto weniger fremd fühlen sich meine eigenen Emotionen an. Langsam werden sie wieder ein natürlicher Teil von mir.

Hast du zu diesem Thema schon Erfahrungen gesammelt? Woran denkst du, wenn du diesen Text liest?

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1 Kommentar

  • Antworten Miri 21. Februar 2022 um 11:26

    Tolles Thema und wie immer super schöne Bilder liebe Andy! Ich hatte das in meiner Kindheit anders und dennoch fühle ich jetzt als Erwachsene Gefühle wir Freude, Enttäuschung, Trauer und Zuneigung irgendwie flacher. Die Tiefen sind irgendwie verschwunden und ich würde mich freuen Gewühle wieder mit “voller Wucht” wahrnehmen zu können.

    Liebsten Gruss, Miri
    http://www.meetmiri.com

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