Es könnte doch alles viel schlimmer sein. Sei doch froh über das, was du hast.
Solche Sätze sind oft nicht böse gemeint. Sie sollen trösten, beruhigen, die Stimmung retten. Nur leider passiert bei vielen genau das Gegenteil: Man fühlt sich danach nicht leichter, sondern kleiner. Nicht verstanden, eher so, als hätte man gerade etwas Peinliches gesagt. Und dann kommt noch ein Bonusgefühl obendrauf, Schuld oder Scham, weil man sich überhaupt schlecht fühlt.
Das ist der Kern von Toxic Positivity. Nicht, dass jemand positiv denkt, sondern dass negative Gefühle keinen Platz mehr haben. Als wären sie ein Fehler im System.

Was Toxic Positivity ist
Toxic Positivity meint eine Haltung, bei der praktisch nur positive Emotionen akzeptiert werden und alles andere schnell weggebügelt wird. Traurig, wütend, überfordert, enttäuscht, alles das wird umetikettiert in: Stell dich nicht so an, lächle mal, denk positiv.
Das Problem ist nicht Optimismus. Das Problem ist die Erwartung, dass Optimismus alles lösen soll, und dass „unangenehme“ Gefühle deshalb unterdrückt werden müssen. Genau das kann emotionale Verarbeitung blockieren.
Warum es sich so mies anfühlt
Weil es wie eine Abwertung wirkt. Wenn ich sage: Mir geht es nicht gut, und als Antwort bekomme ich: Du hast doch eigentlich ein tolles Leben, dann passiert innerlich ungefähr Folgendes:
- Mein Gefühl wird nicht gesehen
- Ich zweifle an mir: Bin ich undankbar
- Ich ziehe mich zurück, weil ich merke, hier ist kein Raum
Und ja, Toxic Positivity kann sich in manchen Momenten wie Gaslighting anfühlen, weil die eigene Wahrnehmung klein geredet wird. Gleichzeitig ist Gaslighting im engeren Sinn meist manipulativ gemeint, während Toxic Positivity oft aus Hilflosigkeit oder Unbehagen mit negativen Emotionen entsteht.
Mein Klassiker aus dem echten Leben
Ich hatte mal diesen einen Freund, der auf alles nur ein Rezept hatte: Easy bleiben, happy sein, positiv denken. Das war seine Universalantwort. Ich weiß, dass er helfen wollte. Aber jedes Mal, wenn es mir wirklich schlecht ging, fühlte ich mich danach noch schlechter.
Nicht, weil ich wollte, dass jemand mit mir in den Keller kriecht. Sondern weil ich etwas ganz Banales gebraucht hätte: Anerkennung. Ein kurzes Ja, das ist gerade hart.

Typische Sätze und bessere Alternativen
1) Wenn jemand vergleicht
Statt: Andere haben es viel schlimmer.
Besser: Das klingt richtig belastend. Es tut mir leid, dass du das gerade durchmachst.
Warum das hilft: Du musst dich nicht rechtfertigen. Du darfst fühlen, ohne Ranking.
2) Wenn jemand wegdrückt
Statt: Denk einfach nicht daran.
Besser: Klar kreist das im Kopf. Willst du erzählen, was genau dich daran so trifft?
Warum das hilft: Gedanken verschwinden nicht auf Kommando.
3) Wenn jemand dich hetzt
Statt: Komm darüber hinweg, denk positiv.
Besser: Was würde dir jetzt konkret helfen, eher Ruhe reinzubekommen?
Warum das hilft: Es wird lösungsorientiert, ohne dein Gefühl wegzuwischen.
4) Wenn jemand dich moralisch erzieht
Statt: Sei dankbar, anderen geht’s schlechter.
Besser: Du kannst dankbar sein und trotzdem gerade überfordert. Beides passt gleichzeitig.
Warum das hilft: Es erlaubt Ambivalenz, und die ist normal.

Warum Leute das überhaupt machen
Oft ist es keine Bösartigkeit. Es ist Unwissen, Unsicherheit oder schlicht die eigene Angst vor starken Emotionen.
Manche Menschen haben gelernt, dass negative Gefühle gefährlich sind. Also werden sie wegoptimiert, zuerst bei sich selbst, dann auch bei anderen. Und manchmal ist es auch Bequemlichkeit: Zuhören ist Arbeit. Floskeln sind schnell. Doch es ist wichtig, nicht gegen seine Gefühle anzukämpfen.
Wie du reagieren kannst, wenn dir jemand Toxic Positivity um die Ohren haut
Du musst nicht therapieren. Ein Satz reicht oft:
- Ich weiß, du meinst es gut. Mir hilft gerade mehr, wenn du es einfach kurz anerkennst.
- Bitte keine Aufmunterungsfloskeln. Frag mich lieber, was ich brauche.
- Ich will nicht im Problem baden, ich will nur nicht weggeschoben werden.
Das ist freundlich, klar, und setzt eine Grenze.

Wenn du selbst dazu neigst, alles schönzureden
Deswegen bist du kein schlechter Mensch. Du brauchst nur ein besseres Werkzeug. Mini-Regel: Erst validieren, dann Perspektive anbieten. Validieren heißt nicht zustimmen. Es heißt nur: Ich sehe dich.
Beispiele:
- Das ist gerade echt viel.
- Kein Wunder, dass dich das trifft.
- Ich bin da.
Und erst danach, wenn überhaupt:
- Wollen wir gemeinsam schauen, was der nächste kleine Schritt sein könnte?
Das ist Support, nicht Schönreden.
Eine positive Grundeinstellung schließt schlechte Gefühle nicht aus
Optimismus ist gut, wenn er nicht als Maulkorb benutzt wird.
Du kannst Hoffnung haben und trotzdem traurig sein. Du kannst dankbar sein und trotzdem wütend. Du kannst ein schönes Leben haben und trotzdem Tage, an denen alles zu schwer wirkt. Dieses ganze Spektrum ist normal.
Und genau deshalb kippt Positivität dann ins Toxische, wenn sie nicht begleitet, sondern verdrängt.
Fazit
Toxic Positivity ist nicht „zu viel gute Laune“. Es ist die Idee, dass nur gute Laune erlaubt ist. Und das macht Menschen leise, statt sie zu entlasten. Wenn du helfen willst, geh nicht auf Stimmung, geh auf Verbindung.
Wie ist das bei dir: Hast du Toxic Positivity schon erlebt, oder hast du dich vielleicht selbst schon dabei ertappt?






2 Kommentare
Sehr schöner Beitrag! Kenne das leider zu gut und ich HASSE wirklich sprüche wie “das wird schon” oder “gibt schlimmeres”.. zeigt für mich dann nur, dass sich die leute nicht für meine probleme interessieren. Deshalb tendiere ich auch dazu, gar nicht erst über meine probleme zu sprechen.
Sandy GOLDEN SHIMMER
[…] Ich bin kein Fan von „Only Good Vibes“, habe sogar schon mal einen Beitrag zu „Toxic Positivity“ geschrieben. Gefühle wollen gefühlt werden, man darf auch mal schlechte Tage haben und […]